Momentaufnahme: Vor mir mein Laptop und ein Kaffee, neben mir im Hochstuhl unser kleiner Sohn, 19 Monate alt. Er isst ein Vollkornbrot (selbstgebacken) mit dick Butter drauf (muss sein) und Schokoaufstrich (immerhin bio und fair gehandelt). Wenn ich mich in unserem Esszimmer/Atelier/Office/Familienraum umsehe, ist es ein bisschen chaotischer und ein bisschen staubiger als normal. Ansonsten würde ich sagen: alles wie immer. Doch der Schein trügt!

Hinter den Kulissen meiner momentan zugegeben irritierten Haut (wenig Schlaf, viel Schokolade, muss ich mehr erklären?) laufen die Synapsen auf Hochtouren. Denn wir ziehen in zehn Tagen in unser neues Zuhause – nach zwei Jahren Planungs- und Bauzeit! Nun bin ich in meinem Leben schon ein paar Mal umgezogen, ABER alleine und in fertige Gebäude, und zuletzt vor 15 Jahren mit meinem Freund (heute Mann) und unserem Hund in das kleine Häuschen, das wir selbst renoviert haben und bis heute bewohnen. Wer konnte damals ahnen, dass wir heute zu sechst sein würden (ohne Hund)?! Und doch ist es so geworden. Und in der Rückschau konnte es gar nicht anders sein, denn mein Leben ist ein volles. Schon immer.

Ohne Deadline geht es nicht.

Doch zurück zum Hausbau. In Gedanken packe ich seit März die Kisten. Doch wenn du meinen letzten Blogartikel zum Parkinsonschen Gesetz gelesen hast, dann weißt du, dass die ‚Muss‘-Projekte ohne Deadline bei mir (und vielleicht auch bei dir?) nicht so richtig in die Gänge kommen. Ich habe also kurzerhand beschlossen, uns und unsere Handwerker ordentlich herauszufordern, und verkündet: Wir ziehen am 17. Oktober 2020 um!

Und siehe da, es hat sich keiner gewehrt, keiner die Flucht ergriffen. (Nur mein Mann, der ist noch skeptisch. Aber das ist sein Job bei uns;-)) Also ist mein erstes Learning in Bezug auf diesen Hausbau das Gleiche wie in Bezug auf Blogartikel und Website-Relaunches und die Steuererklärung: Ohne Deadline geht es nicht. Und den Menschen um mich herum hilft das anscheinend auch.

Immer noch eine Baustelle, aber ab 17. Oktober 2020, wohnen wir hier. Das Eckfenster im EG ist dann übrigens mein Büro:-)

Warum ich nicht durchdrehe.

Wenn meine Freund:innen mich bisher fragten, warum ich angesichts der vielen ‚Baustellen‘ gerade nicht durchdrehe (ist eh klar, dass ich ausgerechnet kommende Umzugswoche auch noch meine Website umziehe und ein paar richtig tolle Coachings im Kalender stehen, oder?!), dann fiel mir eine Antwort schwer. Während ich mir Gedanken zu diesem Blogartikel gemacht habe, sind mir allerdings einige Punkte bewusst geworden. Das Ergebnis: Ich bin mir ziemlich sicher, dass mir meine Scannerpersönlichkeit gerade sehr, sehr nützlich ist.

Wenn du also zu den Multitalenten gehörst, die dazu neigen, mit sich zu hadern und gerne ‚anders‘ wären, dann lies jetzt unbedingt weiter.

1. Scannerpersönlichkeiten sind es gewohnt, sich schnell neues Wissen anzueignen

Wer Neues wagt, egal ob das nun ein Hausbau oder eine große Reise oder eine Unternehmensgründung ist, erlebt plötzlich viele erste Male. Das bedeutet auch: raus aus der Komfortzone, sich informieren, nachfragen, neues Wissen oder neue Fähigkeiten anwenden. Lernen im absolut klassischen Sinn.

Und ich liebe es! Diese Perspektive auf Neues erscheint mir dabei so selbstverständlich, dass mir erstens oft gar nicht klar ist, dass andere Menschen damit eine viel größere Mühe haben und zweitens deswegen auch gar keine Lust, sich kopfüber ins Unbekannt zu stürzen. Meine ‚journalistische‘ Herangehensweise an neue Themen hat schon mehr als einmal dazu geführt, dass Ärzte dachten, ich hätte einen medizinischen Hintergrund, oder das Handwerker fragen, ob ich ‚auch was mit Bauen‘ zu tun habe, oder das Griechen mich für eine Griechin mit einem ‚Dorfdialekt‘ halten (dankeschön, lieber Ehemann!). Wenn ich erstmal von einen Thema besessen bin, dann fügt sich ein Teil zum anderen und ich habe relativ schnell einen Stand erreicht, mit dem ich zumindest in der Lage bin, kritisch nachzufragen. Das führt mich auch direkt zu Punkt 2 dieser Liste.

2. Scannerpersönlichkeiten sehen das große Ganze

Eine Sache, die mir in den vergangenen Monaten ebenfalls bewusst geworden ist: Ich sehe das große Ganze. Und auch das ist nicht so ’normal‘, wie es mir mitunter erscheint. Nicht nur beim Überblick über die Prozesse auf der Baustelle, sondern auch bei der Umzugsplanung. Ich weiß aus dem Kopf, wohin welche Möbel und Kisten kommen, wer wann wo unterstützt, und welche Handwerker nächste Woche auf die Baustelle kommen werden, um unser Haus bewohnbar zu machen.

In meinem Kopf setzen sich Puzzleteile schnell zusammen und ich sehe Verbindungen, die mir das Lernen (siehe Punkt 1) definitiv erleichtern. Klar vergesse ich dabei auch mal was. Auch mal was wichtiges, was natürlich total ärgerlich ist… ich bin ja keine Maschine. Aber mittlerweile verzeihe ich mir das und vertraue darauf, dass ich immer eine Lösung finde. Was direkt zu Punkt 3 führt.

3. Scannerpersönlichkeiten sind flexibel

Wenn etwas nicht so läuft wie geplant, dann gibt es in meinem Umfeld zugegeben ein paar Menschen, deren Laune durch Planänderungen in den Keller sinkt. Und die mich dann fragend anschauen und sich wundern, dass ich ’so ruhig‘ bleibe. Die Sache ist die: ich bin im ersten Moment von solchen kleinen und großen Katastrophen auch nicht gerade begeistert. Aber weil die Punkte 1 und 2 auf mich zutreffen, folgt automatisch Punkt 3: Ich sehe die Planänderung als Herausforderung und denke sofort darüber nach, wie eine Lösung aussehen könnte, die mich trotzdem bestmöglich ans Ziel bringt. Und das ist definitiv eine Herangehensweise, die mich in den vergangenen zehn Jahren seit der Geburt unserer ersten Tochter mehr als einmal gerettet hat (vier Kinder sind in Sachen Hausbau eine perfekte Vorbereitung, aber Scanner sind meines Erachtens auch mit weniger Kindern oder ohne Kinder bestens gerüstet).

Zum Schluss noch Tacheles: Planen, um zu machen.

Ein Stachel, der im Fleisch jedes Multitalents sitzt, ist das Vorurteil, dass wir nicht dranbleiben können, dass wir Dinge nicht zu Ende bringen und uns verzetteln. Eine Reaktion, die ich dann regelmäßig beobachte: Es wird viel zu viel geplant, ‚überplant‘ nenne ich das. Und leider machen die Pläne es nach der anfänglichen Motivation oft noch schlimmer. Denn zum Gefühl, sich zu verzetteln, kommt dann auch noch das Gefühl, es nicht einmal mit einem noch so ausgeklügelten Plan zu schaffen. Ich spreche aus Erfahrung. Zeitmanagement und Planungsmethoden – ich kenne sie alle! Knabbert ganz schön am Selbstwertgefühl. Und da kommt mein Lieblingsmantra zum Einsatz:

Mehr vom Falschen macht es nicht besser!

Denn früher war das auch bei mir so: ich habe mir stunden-, tage-, wochenlang die tollsten Pläne gemacht für all meine Projekte und Vorhaben. Weil ich dachte, dass ich besser dranbleibe, dass ich mehr schaffe, wenn ich nur noch besser und ausgefeilter plane. Zu oft war das Gegenteil der Fall. Planung macht mir immer noch unheimlich Spaß, aber (jetzt folgt der Teil mit dem Tacheles:) Planung ist kein Selbstzweck!

Planung hat nur das eine Ziel: Sie muss es leichter machen, Projekte umzusetzen. Nur Planung allein bringt kein Ergebnis. Darum ist mein umtimativer Tipp, neben der Planung direkt erste Schritte in die Umsetzung zu gehen*. Einen Anruf zu machen, um fehlende Informationen zu beschaffen. Eine E-Mail zu schreiben, um mich zu vernetzen.

Aktuell mache ich es so bei der Umzugsplanung. Es gibt ein Trello-Board mit all den Dingen, die mit ins neue Haus kommen – sortiert nach Zimmern dort. Heute habe ich die Reihenfolge festgelegt und einen Farbcode für die Umzugshelfer:innen, und dann beschlossen, dass wir jeden Tag ein Zimmer im alten Haus packen und umziehen. Und ganz sicher wird sich der Plan noch ändern. Aber wir räumen morgen schon den Keller aus. Und übermorgen die Garage. Und denken nicht nur drüber nach.

*Heute gibt es für diese Art der Planung übrigens die Bezeichnung ‚agiles Projektmanagement‘. Verkauft sich gut. Ist aber gar nicht neu, sondern vereinfacht dargestellt der Kreislauf aus Planen, Machen und Optimieren.

Mehr Tacheles gefällig?

Dann abonniere meinen MULTI-Letter und du bekommst alle ein bis zwei Wochen den Tacheles und noch mehr Tipps und Impulse zum Thema Selbstständigkeit und Leben als Multitalent direkt in dein Postfach.