Meine Tage verliefen bis zu meinem 20. Geburtstag immer nach dem gleichen Muster. Ich hatte eine Idee, ich suchte mir alle Informationen und alle Dinge zusammen, die ich dafür brauchte, und dann machte ich. Von morgens bis abends. JEDEN TAG!

„Wenn ich mich an meine Kindheit und Jugend erinnere, erinnere ich mich vor allem an eines: ans Machen“

Ich bastelte aus einer einsamen Socke meine erste Sockenpuppe, malte mein erstes Bilderbuch über eine Maus, die sich einsam fühlt, gründete einen Ponyclub mit Clubzeitschrift, nahm eigene Hörkassetten auf, machte meinen mit Salmonellen im Bett liegenden Eltern Windbeutel mit Brandteig (meine arme Mutter…), schrieb Gedichte, spielte Theater, nähte Klamotten (natürlich aus selbstgefärbten Stoffen), färbte auch meine Haare blau, fütterte und versorgte morgens vor der Schule meine Pflegepferde, arbeitete die ganzen Sommerferien an einer Stanzmaschine, um mein erstes Auto zu kaufen (meine Eltern wollten mir nämlich partout keines kaufen, vielleicht späte Rache für die Windbeutel), fachsimpelte mit meinem Ingenieurs-Onkel über naturwissenschaftliche Experimente. Meine Tage waren voll und immer zu kurz für das, was ich eigentlich noch tun wollte. Das war so.

Plötzlich sollte ich mich entscheiden

Und dann machte ich Abi, und irgendwie war plötzlich alles anders. Ich sollte mich ENTSCHEIDEN. Für einen Beruf, eine Laufbahn. Alle gaben mir Tipps. Meine eigenen Ideen, in der Schule noch bestaunt (oder belächelt, das weiß ich im Nachhinein gar nicht so genau) schienen plötzlich unerreichbar. Kulturwissenschaften, Schauspielschule, Work and Travel? Nein, ich war doch so verliebt gerade! Und meine Familie vor den Kopf stoßen oder gar enttäuschen, das wollte ich auf gar keinen Fall!

Also zog ich bei meinem Freund ein und studierte an der Dualen Hochschule vor der Haustür BWL (das kann ich ja immer brauchen). Und weil es so weh tat, sich an all das zu erinnern, was ich STATTDESSEN gerne gemacht hätte, vergaß ich es der Einfachheit halber.

Bruchstücke meiner Persönlichkeit

Die Jahre vergingen. Immer wieder zuckte mein altes Leben, zuckten Bruchstücke meiner Persönlichkeit wie Blitze durch die Wolken. Erhellten für eine gewisse Zeit den Himmel. Die Liebe zerbrach. Es kam eine neue (und blieb bis heute). Ich wohnte wieder in meinem Kinderzimmer, lernte Spanisch, studierte ein Semester in Madrid, begann nebenberuflich für eine Tageszeitung zu schreiben.

Nach dem Diplom landete ich als Assistentin des Vorstandsvorsitzenden auf einem Posten, der so vielfältig war, dass ich den Job gut aushalten konnte. Den Chef weniger. Nach knapp einem Jahr floh ich in die Redaktion einer lokalen Tageszeitung, für die ich zuvor schon nebenbei geschrieben hatte, und anschließend in eine sympathische, kleine Unternehmensberatung für Mittelstandssanierungen. Parallel begann ich mein erstes Aufbaustudium. Es folgten weitere. Sie alle zeigten grob in die Richtung, in die ich EIGENTLICH von Herzen wollte, aber der Mut für einen klaren Richtungswechsel, der fehlte mir.

Alles gut, aber eben nicht alles

Dabei sah mein Leben gar nicht so langweilig aus, wie ich es bisweilen empfand. Die Stellenausschreibung als Marketing-Managerin bei einer großen Druckerei vor Ort – die konnte ich mir doch nicht entgehen lassen?! Ich bekam den Job, der für fünf Jahr meine berufliche Heimat werden sollte und mir immerhin einen Teil der Freiheit ermöglichte, die ich so sehr brauche.

Ich konnte nebenbei mein erstes Buch veröffentlichen, als Dozentin an der Hochschule arbeiten, war viel unterwegs. Mit der Routine kam die Unruhe. Und zur Unruhe kam dann meine erste Schwangerschaft. Frisch verheiratet, heiß ersehnt, es hätte keinen besseren Zeitpunkt geben können.

Zurück in die Zukunft

Was in den folgenden zehn Jahren passierte, empfinde ich in der Rückschau als meinen ganz persönlichen, steinigen Weg zurück in die Zukunft. Zurück zu mir und in eine Zukunft, die ich zu meiner ganz eigenen mache. Das Muttersein hat mich alles in Frage stellen lassen, was ich bis dahin erreicht hatte. Nach der Geburt unserer ersten Tochter gab ich mit einer Freundin in Eigenregie eine regionale Familienzeitschrift heraus. Wir knackten im ersten Jahr die 10.000 Exemplare. Ich wurde wieder schwanger. Das Baby starb an Neujahr 2012 in meinem Bauch und ich verlor die Energie für meine Arbeit.

Elf Monate später kam unsere zweite Tochter zur Welt. Die Schwangerschaft hatte mich aus vielen Günden ans Limit gebracht. Und plötzlich tat ich etwas, das ich noch nie in meinem Leben gemacht hatte: NICHTS.

„Das, was ich tun sollte, schaffte ich nicht mehr, und was ich tun wollte, hatte ich vergessen.“

Gerettet hat mich absurderweise meine Migräne, die irgendwann so schlimm wurde, dass ich doch etwas machen musste: zum Arzt gehen. Dort klappte ich zusammen und saß zwei Wochen später dem Therapeuten gegenüber, der mir erklärte, was sich bei einer Depression im Gehirn verändert, und dass ich (abseits von Medikamenten und Therapie) im wahrsten Sinne des Wortes etwas dagegen MACHEN kann. Sport zum Beispiel. Oder ein Buch lesen. Kleine Schritte, die für mich unfassbar groß waren.

Norwegen und mein Schritt in die Selbständigkeit

Long story very short: ich begann wieder mit dem Machen. Und kann seitdem nicht mehr aufhören (und habe auch nicht vor, das in Zukunft noch einmal zu tun). Ich nahm eine Stelle in einer Gießerei an, ganz ohne Druck. „Musst du ja nicht für immer machen“, ermutigte ich mich.

Ich fuhr mit meinen Töchtern und einer meiner tollsten Freundinnen mit dem Auto nach Norwegen, in ihr Häuschen im Wald. Dort hatte ich ziemlich genau ein halbes Leben vorher schon einmal zwei Wochen verbracht. Als ich noch sehr mutig war und noch wusste, wie das mit dem Machen funktioniert.

Und nun war ich also wieder hier. 18 + 18 Jahre alt. Im Wald. Und erinnerte mich langsam zurück ans Machen. Und wollte wieder machen. Ganz viel. Zuallererst eine Ausbildung als Business-Coach. Und dann ein drittes Kind bekommen. Mich selbständig machen. Meinen Roman beginnen.  Und vielleicht sogar noch ein viertes Baby… Und genau da stehe ich heute: als Vierfachmama, leidenschaftliche Scannerpersönlichkeit und selbständige Multipreneurin, und ich schreibe diesen Blogartikel.

Und dann brauchst du einen Claim

„Jeder Selbständige sollte einen Claim haben.“

Dieser Satz meiner Blog-Mentorin Judith Peters klingt nun schon seit ein paar Wochen in meinen Ohren. Denn Judith ist felsenfest davon überzeugt, dass erfolgreiche Unternehmen (und eben auch Selbständige) einen Claim brauchen. Prominente Beispiele sind ‚Red Bull – verleiht Flügel‘ oder ‚Nike – Just do it‘. Und darum erhielten auch alle Studentinnen und Studenten von Judiths Sympatexter Academy im Februar die Aufgabe, einen Claim für ihr Business zu entwerfen.

Doch was ist eigentlich ein Claim? „Ein Claim (manchmal auch „Slogan“ genannt) drückt in einem kurzen Satz aus, was dich und dein Business besonders macht.“ Soweit die Definition. Es geht also darum, auf den Punkt zu bringen, was mich als Personal Brand, als Personenmarke, besonders macht. „Das wird ein Spaß!“, dachte ich so ganz naiv bei mir. Denn ich halte mich für eine wortgewandte Kreative. Und so machte ich mich an die Arbeit. Ich hatte keine Ahnung, dass ich mich ziemlich quälen würde, um am Ziel anzukommen.

Schritt für Schritt zu meinem Markenkern

Dabei ging es ganz enstpannt los. Schritt 1: Recherche. Und ich stellte zuallererst fest, dass man schon ein bisschen suchen muss, um Claims bei Selbständigen zu finden. Ein Argument mehr, einen zu entwickeln. Im Anschluss an die Recherche folgte eine erste Ideensammlung. Und nach ein paar weiteren Grundlagen ging es darum, die eigenen ‚Special Features‘ zu sammeln, also das, was mich besonders macht. Über diese Liste sollten wir uns immer weiter an unseren Markenkern annähern.

Puh… Gar nicht so einfach, beim Blick auf sich selbst die Vogelperpektive einzunehmen und wirklich hinzuschauen. Was macht mich aus, spiegelt meine Persönlichkeit und meine Fähigkeiten? Wie kann ich ausdrücken, wer ich bin und was ich für meine Kunden tue?

Natürlich geht es nicht darum, in einem kurzen Satz ALLE meine Persönlichkeitsmerkmale auszudrücken. Aber es ist wie mit einer guten Sauce, die köchelt und köchelt. Die Flüssigkeit verdampft, und am Ende bleibt die exquisite Essenz zurück.

Der Blick von außen und kreativer Autopilot

Nun ja, meine Sauce kochte über zwei Monate. Meine ersten Ideen? Zu generisch, d.h. austauschbar. Immer wieder trat ich auf der Stelle, schob Worte von links nach rechts. Mehr als einmal habe ich in meiner Texter-Gruppe um Impulse und den Blick von außen gebeten. Denn es ist definitiv so: Außenstehende sehen oft wesentlich klarer, was wir ausdrücken wollen und wie das funktionieren könnte. Ich hatte Favoriten, verwarf sie wieder und beschloss irgendwann sogar, eine Pause einzulegen auf dem Weg zu meinem Claim.

Und dann passierte, was ich in meinem Leben schon mehr als einmal erlebt habe: Ich hörte auf zu denken. Ich machte einfach weiter. Machte einen Online-Workshop zum Thema ‚Von der Idee zum konkreten Plan‘. Entwickelte mein erstes Freebie, ein Workbook zu eben diesem Thema. Und tippte irgendwann ganz beiläufig  die Worte ‚Mut kommt von machen‘ in die Tastatur, verwendete ein paar Mal den gleichlautenden Hashtag in Posts auf Instagram.

„Und auf einmal war mir klar, was hier passiert war. Mein Mut war still und heimlich zurückgekommen.“

Ich war wieder da, wo ich sein wollte. Ich war mutig. Und ich machte. Und es war nicht etwa so, dass da erst der Mut war, und dann das Machen. Nein, es war genau umgekehrt! Ich bin trotz meiner vermeintlichen Schwäche ins Handeln gekommen. Und habe darin meine größte Stärke gefunden. Mich selbst.

Mut kommt von machen

Mein Claim war geboren. Und mit ihm das Gefühl, dass es in meiner Arbeit und in meinem Leben genau darum geht. Etwas zu tun und daran zu wachsen. Uns zu zeigen, wie wir sind. Denn dann kommt der Mut von ganz allein.

Hast du auch eine Geschichte, bei der der Mut vom Machen kam? Oder möchtest du eine schreiben? Erzähl‘ mal!

P.S. Das Bild zu diesem Post ist übrigens in besagtem Norwegen-Urlaub entstanden. Geknipst von meiner damals fünfjährigen Tochter. Es sagt für mich einfach alles.