Bereits am Wochenende bin ich in einem Artikel über das ungewöhnlich Wort ‚RE-Gnose‘ gestolpert. Zukunftsforscher Matthias Horx beschreibt in einem Text ein Gedankenexperiment, das uns dabei helfen soll, in diesen von Unsicherheiten und Nicht-Wissen bestimmten Zeit dennoch eine Vorstellung von der ‚Welt nach Corona‘ zu bekommen. Dabei ist die Regnose das Gegenteil einer Prognose. Wir schauen dabei also nicht von der Gegenwart in unsere Zukunft, sondern blicken aus der Zukunft zurück in die Vergangengheit, in der wir ja gegenwärtig noch leben. Und wir fragen uns: ‚Bewegen wir uns anders? Ist alles so wie früher? Schmeckt der Wein, der Cocktail, der Kaffee, wieder wie früher? Wie damals vor Corona? Oder sogar besser? Worüber werden wir uns rückblickend wundern?“ (aus Horx, Matthias: Die Welt nach Corona, www.diezukunftnachcorona.com, online abgerufen am 16.03.2020).

Gestern habe ich nicht mehr die Zeit gefunden, mir über diesen Ansatz Gedanken zu machen, aber gute Ideen sind ja bekanntlich hartnäckig. Also rief heute Morgen prompt meine Mentorin und Mir-als-Bloggerin-in-den-Hintern-Treterin Judith Sympatexter Peters dazu auf, diese Woche entweder eine Prognose oder eben besagte Regnose über die Welt nach Corona zu verbloggen. Gut, wenn ihr wollt. Ich finde die Idee ja auch sehr spannend.

Wie also wird es sein in ein paar Monaten? Gute Frage. Soll ich mich für die Variante entscheiden, die mich abends nicht einschlafen lässt, oder für die, die ich mir gemeinsam mit meinen Kindern ausmale, wenn sie nicht einschlafen können? Horx nennt es die ‚unbekannte Postcorona-Zukunft‘. Klingt nicht unbedingt gut in meinen Ohren. Hat was von Post-irgendwas Trauma oder Post-irgendwas Depression. Mal sehen, ob meine Regnose diesen negativen Beiklang in meinem Inneren auflösen kann…

Ich fliege also mit meinen Gedanken unter den Weihnachtsbaum 2020. Wir sind von der Kleinstadt in unser neu gebautes Haus am Dorfrand gezogen. Endlich. Corona hat auch die Arbeiten auf unserer Baustelle teilweise lahmgelegt und in die Länge gezogen. Alles ging los, als wir die Küche planten. Den Auftrag erteilten wir unserem Küchenberater schon online über Facetime, denn er war zu dem Zeitpunkt bereits in Quarantäne. Er zeigte uns die Pläne, indem er seine Smartphonekamera vor den Bildschirm seines Laptops hielt. (Bereits eine Woche später absolvierte unsere älteste Tochter ihre erste online Gitarrenstunde mit Zoom. Sie war begeistert.)

Statt des geplanten Einzugs in den Sommerferien konnten wir also erst vor drei Wochen den Schlüssel zu unserem neuen ZUHAUSE umdrehen. Dass wir unsere drei Mädchen schon ab September jeden morgen zu den beiden neuen Schulen und zum Kindergarten ins Dorf fahren mussten, war nach einer so langen schulfreien Zeit in der ersten Jahreshälfte gar kein Problem, sondern heiß ersehnt – auch und gerade von den Kindern. Endlich wieder Schule! Dass wir  das einmal sagen würden, wer hätte das gedacht?

Da sitzen wir nun, mein Mann, unsere vier Kids und ich, mit meinen Eltern und meiner Schwester, ihrem Mann und ihren beiden Kindern – sechs Erwachsene und sechs Kinder – und als nach dem Essen alle Geschenke ausgepackt sind und die Kinder mit ihren neuen Spielsachen beschäftigt sind, blicken wir zurück auf dieses verrückte Jahr. Wir sind uns einig: wir alle wissen den ’normalen‘ Alltag viel mehr zu schätzen als früher.

Nach der ersten Woche im Ausnahmezustand, ohne Schule und Kindergarten und mit der Maßgabe zum ‚Social Distancing‘ hatte ich das Gefühl, dass hier eine Entschleunigung stattfindet, nach der sich viele Menschen in meinem Umfeld insgeheim oder auch ganz offiziell schon lange gesehnt hatten. Jedenfalls haben viele, auch wir, das hohe Tempo aus der vergangenen Dekade nach der Krise nicht wieder aufgenommen. Weniger Programm, mehr Freiheit. Weniger Perfektionismus, mehr Flexibilität. So würde ich beschreiben, was sich in unserem Familienleben verändert hat. Und es fühlt sich gut an.

Auch meine Selbständigkeit hat sich verändert: Inzwischen erwirtschafte ich etwa 80 Prozent meines Umsatzes online. Die Flexibilität hat sich in den vergangenen Monaten bewährt. Sogar Kunden, die ich bis zum Beginn der Coronakrise ausschließlich offline begleitet habe, nehmen immer häufiger Onlineangeboten in Anspruch, weil sie unkompliziert in den Alltag zu integrieren sind, z.B. ohne Anfahrtswege und -zeiten machbar. Anfängliche Sorgen, dass wir uns durch ‚mehr online‘ voneinander entfernen und der persönliche Austausch leidet, sind inzwischen Schnee von gestern. Im Gegenteil: die Kontakte, die sich für mich online ergeben, trage ich immer öfter ganz bewusst auch ins echte Leben.

Wir diskutieren auch darüber, dass gerade eine neue Bewegung entsteht, die überall in Europa und weltweit Fridays for Future abzulösen scheint. Quer über alle Generationen hinweg engagieren sich Menschen gemeinsam. Aus der weltumspannenden und polarisierenden Jugendbewegung von 2018/2019 sind ganz konkrete und an den lokalen Besonderheiten ausgerichtete Projekte entstanden. Die Solidarität in der Gesellschaft in Zeiten von Corona hat an vielen Stellen ein Umdenken angestoßen. Wir können Probleme wie den Klimawandel nur gemeinsam schaffen – frei von Schuldzuweisungen und Vorwürfen, sondern indem wir einander zuhören, den Experten Gehör schenken und längst fällige politische Entscheidungen beschleunigen. Das funktioniert immer besser, weil die Zentralregierungen in Berlin und Brüssel mehr und mehr gesamtkoordinative Aufgaben übernehmen, die Verantwortung für die konkrete Gestaltung und Umsetzbarkeit aber bei Ländern und Kommunen liegt.

Die Wirtschaft tut sich noch schwer, aber unter dem Eindruck der vergangegen Monate findet auch hier ein Umdenken statt: weg von Gewinnmaximierung und hin zu Gemeinwohlmaximierung. Das Bundesgesundheitsministerium hat eine Reform des Gesundheitswesens beschlossen und die Privatisierung der Kliniken wird teilweise rückgängig gemacht, weil deutlich wurde, dass unser vor einem Jahrzehnt vorbildliches Gesundheitssystem durch die Interessen privater Investoren nicht noch weiter geschwächt werden darf.

Unsere Vierjährige und ihr ein Jahr älterer Cousin haben sich die neu genähten Mundschutze angezogen und spielen ‚Corona‘. Die junge Ärztin zieht gerade eine Spritze auf: der Teddybär wird geimpft. „Piekst nur ganz kurz, damit du nicht krank wirst“, beruhigt ihr fünfjähriger Kollege den Patienten. Ich lehne mich zurück und genieße, dass wir einfach so hier zusammensitzen.

Ok, ihr habts gemerkt: hab‘ die Variante genommen, die ich mir lieber vorstellen mag. Und weil ich an die Kraft der positiven Gedanken glaube, lass‘ uns doch zusammen optimistisch sein und lass‘ mir einen Kommentar da: Was wird nach Corona besser sein als zuvor?