Multitalent, Tausendsassa, Hansdampf in allen Gassen – es gibt eine Unmenge an Begriffen und Beschreibungen für Menschen mit vielen unterschiedlichen Interessen und Leidenschaften. In den vergangenen 30 Jahren haben sich auch im deutschsprachigen Raum neue Bezeichnungen etabliert, die inzwischen teilweise synonym verwendet werden. Da ist von Vielbegabten, Scannerpersönlichkeiten (oder einfach nur Scannern), Multipassionistas und Multipotentialites die Rede. Doch sind diese Bezeichnungen tatsächlich tauglich, um die Gruppe Menschen zu beschreiben, die sie betrifft? Oder handelt es sich um Trendbegriffe mit wenig Substanz?

Dieser Artikel ist hilfreich für dich, wenn

  • du jemanden kennst, der außergewöhnlich viele Facetten hat, und du dich mit dem Scanner-Begriff beschäftigen möchtest.
  • du vermutest, dass du selbst ScannerIn sein könntest und mehr Informationen suchst oder
  • du dir bereits sicher bist, vielbegabt zu sein, du aber noch besser verstehen willst, wie du tickst und wie du das anderen erklären kannst.

Woher kommt der Begriff ‚Scannerpersönlichkeit‘?

Geprägt hat den Begriff der Scannerpersönlichkeit (kurz ‚Scanner‘) die amerikanische Autorin und Karriereberaterin Barbara Sher, die seit 1979 mehrere Bücher über Menschen mit einer so genannten Vielbegabung geschrieben hat. Sie beschreibt ScannerInnen als außergewöhnlich neugierig und vielseitig, sowohl im beruflichen als auch im privaten Kontext. ScannerInnen zeichnen sich neben ihrem breit gefächerten Interesse auch durch ein besonderes Vorgehen in der Auseinandersetzung mit neuen Themen aus. Sie durchlaufen wieder und wieder einen Kreislauf, in dem sie neue Themen finden, sich mit ihrer ganzen Energie hineinstürtzen, alles aufsaugen, was sie dazu finden können, um dann die Strukuren zu durchdenken und zu durchleben. Nach einer individuell verschiedenen Zeitspanne und Tiefe der Auseinandersetzung flacht das Interesse wieder ab.

Sher unterscheidet auch zwischen simultanen ScannerInnen, die immer eine gewisse Anzahl Projekte auf dem Tisch haben und die Breite lieben, und sequentiellen ScannerInnen, die ihre vielen Themen getrennt nacheinander bearbeiten.

Im Gegensatz zu Multipotentialites stellt Sher die ‚Taucher‘, die sich oft ihr Leben lang ganz einer einzigen Sache widmen. Diese Vorstellung ist für Vielbegabte unerträglich.

Scanner: nur ein Trend?

Immer wieder gibt es Kritik am Begriff der Scannerpersönlichkeit. Dann wird einerseits darauf hingewiesen, dass der Begriff inflationär genutzt werde. Andererseits wird er als ‚Ausrede‘ für mangelndes Durchhaltevermögen Entscheidungsschwäche und Sprunghaftigkeit bei Menschen mit vielfältigen, sich wandelnden Interessen gesehen. Für diese Zuschreibungen sind vor allem zwei Faktoren verantwortlich:

  1. Wir leben in einer Expertengesellschaft. Unser gesamtes Berufs- und Bildungssystem ist (noch) in weiten Teilen darauf ausgerichtet, dass Kinder und Jugendliche in der Schule den EINEN Bereich finden, in dem sie gut sind, sich in Ausbildung und Studium spezialisieren und anschließend in IHREM Beruf mehr oder weniger ein Leben lang arbeiten.
  2. Auf der individuellen Ebene ist ein Ergebnis dieses Spezialistentum unter Umständen, dass Scanner sich selbst als unzulänglich empfinden und mit ihrer Persönlichkeit hadern. Das kann dazu führen, dass sie ihren Facettenreichtum eher als Belastung empfinden, einzelne Interessengebiete ausblenden, unter mangelndem Selbstbewusstsein leiden oder sogar in existentielle Krisen geraten, wenn sie immer wieder in den Scanner-Kreislauf eintauchen, obwohl sie sich wünschen, doch nur ENDLICH ihre Berufung, ihren Lebenssinn zu finden.

Ein Blick in die Geschichte der Vielbegabung

Der wohl berühmteste Scanner in der Geschichte der Neuzeit ist Leonardo da Vinci (1452-1519). Der Italiener war Maler, Bildhauer, Architekt, Anatom, Mechaniker, Ingenieur und Naturphilosoph und prägte den Begriff des so genannten ‚Universalgelehrten‘, im Englischen auch ‚Polymath‘ genannt.

Universalmenschen galten in der Renaissance als Ideal in Anlehnung an die Vorbilder der griechisch-römischen Antike. Und so lebte auch da Vinci in einer Zeit, in der es das gängige Vorbild war, sich in möglichst vielen Bereichen zu bilden und ganz unterschiedliche Interessensgebiete zu pflegen.

Weitere berühmte Scanner sind z.B. Albert Einstein, der neben seinen wegweisenden naturwissenschaftlichen Erkenntnissen in der Physik auch ein hervorragender Musiker war, oder Benjamin Franklin (1706-1790), ein Drucker, Verleger, Schriftsteller, Naturwissenschaftler, Erfinder (Blitzableiter) und Staatsmann (Gründervater der USA)

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Worunter können Vielbegabte leiden?

Vielbegabung ist eine Form der Hochbegabung. Und anders zu sein macht angreifbar. Als Kinder und Jugendliche werden hochbegabte ScannerInnen häufig von Gleichaltrigen als Streber beschimpft, gelten in der Familie als zerstreut und sprunghaft. Gerade besonders gute Leistungen werden oft nicht anerkannt, da vielbegabte Kinder und Jugendliche über alle Fächer hinweg gute und sehr gute Leistungen erbringen.

Auch die Entscheidung für eine Ausbildung, ein Studium, einen Beruf, eine Geschäftsidee kann zum Alptraum werden. Denn wer in vielen ganz unterschiedlichen Bereichen sehr gute Leistungen erzielen kann, erhält keine Klarheit über besondere Talente und Neigungen auf diesem Weg. Es mag absurd klingen, aber überall gut zu sein kann auch als Belastung empfunden werden, wenn die Klarheit über die eigenen Stärken und die Anerkennung von außen fehlen. Die Konsequenz können unstete und unterbrochene Lebensläufe sein, die es schwer machen, anderen und sich selbst die eigenen Fähigkeiten vor Augen zu führen.

Bei alledem geht es ausdrücklich nicht um Selbsdisziplin. Multipotentialites sind zu einem enormen Maß an Selbstdisziplin in der Lage, wenn sie sich für ein Thema interessieren. Vor diesem Hintergrund fällt immer wieder der Satz: ‚Ich kann mich einfach nicht entscheiden!‘, und zwar insbesondere dann, wenn Vielbegabte die eigene Persönlichkeit noch nicht richtig erkannt und anerkannt haben. Daher halten sie sich selbst bisweilen für unfähig, Entscheidungen zu treffen. Darunter leidet das Selbstvertrauen.

Meist gelingt es  hochbegabten ScannerInnen in relativ kurzer Zeit, zu ExpertInnen in einem Bereich zu werden, also überdurchschnittlich gut. Totzdem sehen sie ihre eigene Leistung oft kritisch, werten sie ab oder verheimlichen sie je nach Kontext, um nicht beliebig und oberflächlich zu erscheinen. Was sie selbst als kontinuierliche Entwicklung sehen, wirkt auf das Umfeld häufig wie ein harter, nicht nachvollziehbarer Bruch. So kommt es immer wieder zu Mißverständnissen.

Nicht zuletzt besteht bei einem so unbändigen Wissensdurst permanent die Gefahr, sich zu verzetteln. Diese Gefahr sah übrigens auch schon Leonardo da Vinci, der in seinen Aufzeichnungen schreibt: „Ganz wie ein Königreich in sein Verderben läuft, wenn es sich teilt, so verwirrt und schwächt sich der Geist, der sich mit zu vielen Themen beschäftigt.“ Doch er sah auch, dass „durch verworrene und unbestimmte Dinge […] der Geist zu neuen Erfindungen wach[wird].“ (Quelle: Spiegel, 2009)

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Welche Stärken haben Multipotentialites?

Menschen mit einer Scannerpersönlichkeit sind die geborenen Lerner. Sie sind Profis darin, sich schnell und effizient neues Wissen anzueignen und es anzuwenden. Eine  Fremdsprache, ein Musikinstrument, ein Fertigungsverfahren – es gibt kaum ein Thema, zu dem ScannerInnen sich keinen Zugang verschaffen können (und für das sie sich nicht begeistern). Mit dieser Fähigkeit sind sie perfekt auf den Umgang mit den rasanten Veränderungen in der globalisierten und digitalisierten Welt vorbereitet. Sie sind in der Lage, komplexe Probleme aufzubrechen, weil sie verschiedene Perspektiven einnehmen können und mit ihrem breiten Wissen Systeme schnell entschlüsseln.

Multipassionistas sehen Zusammenhänge über Themengebiete hinweg, die Experten oft aufgrund ihres engeren Blickfeldes verborgen bleiben. Gerade die Zusammenarbeit zwischen Vielbegabten und SpezialistInnen ist daher oft ganz besonders fruchtbar, wenn es um innovative Lösungen geht.

Auch in sozialen Kontexten und Teams können sich ScannerInnen in der Regel gut bewegen, da sie die Fähigkeit haben, sich in beinahe jede Rolle hineinzuversetzen, die gerade hilfreich ist, um gemeinsam ans Ziel zu kommen. Wenn sie in einem vielfältigen Umfeld arbeiten und leben, das ihrer Persönlichkeit gerecht wird, sind Vielbegabte wahre Ideen-Maschinen und eine nie versiegende Quelle für kreative Inspiration.

Die unbändige Neugier macht es Scannerpersönlichkeiten auch möglich, sich immer wieder selbst zu erfinden und ganz unabhängig vom Alter neue Wege einzuschlagen. Sie bleiben in Krisen handlungsfähig, weil sie Alternativen erkennen und lösungsorientiert denken. Dafür ist es jedoch Voraussetzung, die eigenen Glaubenssätze, wie zum Beispiel ‚Du musst dich entscheiden.‘, hinter sich zu lassen und sich selbst ein aufregendes, facettenreiches Leben zu erlauben.

Woran du erkennen kannst, dass du ein Scanner bist?

Vielbegabte sind nicht einfach ’nur‘ Menschen mit vielen Interessen. Es gibt einige Besonderheiten, die darauf hinweisen können, dass Menschen eine Scannerpersönlichkeit haben. Nicht alle müssen zutreffen. Die Ausprägungen und Kombinationen sind sehr individuell.

  1. Deine eigene Zufriedenheit (und letztlich die psychische und physische Gesundheit) ist in hohem Maße abhängig davon, dass du dein eigenes Leben entsprechend deiner vielfältig begabten und interessierten Persönlichkeit gestaltest und du immer wieder Neues ausprobieren kannst.
  2. Du warst in der Schule ohne Lernaufwand in (fast) allen Fächern auf sehr gutem Niveau, und interessierst dich heute für so viele verschiedene Themen, dass es dir unmöglich erscheint, dich beruflich auf einen Bereich festzulegen.
  3. Dein berufliches und privates Leben verläuft in Zyklen, in denen du dich mit Themen intensiv auseinandersetzt.
  4. Du bist nur dann glücklich, wenn du mehr Projekte auf deinem Schreibtisch oder in deinem Kopf hast, als die meisten anderen Menschen in deinem Umfeld ertragen könnten.
  5. Phasenweise kannst du abends nicht einschlafen, weil dir ununterbrochen neue Ideen kommen, wie du verschiedene Projekte starten oder weiterentwickeln könntest.
  6. Du bist in Gesprächen häufig gedanklich schon ein paar Schritte weiter als deine GesprächspartnerInnen und kannst oft schon voraussagen, was dein Gegenüber gleich sagen wird.
  7. Du kannst sehr gut damit umgehen, in einem Bereich AnfängerIn zu sein.
  8. Wenn dich ein Thema interessiert, bist du relativ schnell auf einem Wissensstand, mit dem du auch Spezialisten gegenüber gut mithalten kannst.

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